|
Ein Reisebericht von Wolf-Dietrich-Schumacher/ Kriminalbuchautor
(Pseudonym: Wolf S. Dietrich)
u.a.: "Gestirnter Himmel", " Schattenwelt", "Das Berlinkomplott"
Weil es in der Natur (der Sache) liegt
Fünf Kilometer können lang werden. Auf schmaler Straße, abseits der großen Verkehrsadern, umrunden wir einige Schlaglöcher, weichen aufspringenden Hasen aus und treten erschreckt auf die Bremse, wenn plötzlich ein Reh über die Fahrbahn wechselt. Hinter uns liegen einige Stunden Fahrt auf west-östlichen Autobahnen und eine unwirkliche Reise über Mecklenburger Alleen.
Was vor uns liegt, läßt sich nur ahnen, denn den Ort, den wir suchen, kennen wir nur von Hörensagen. Durch blühende Landschaften sind wir gerollt: Es ist Frühsommer, und unter dem tiefblauen Himmel leuchten Rapsfelder und Löwenzahnwiesen zwischen Wiesen und Wäldern wie wohl nirgends sonst auf der Welt. Unbeschreiblich ist dieses Licht über dem Land der tausend Seen.
Niemals zuvor war uns der Löwenzahn so gelb, das Laub so grün, der Himmel so blau erschienen. Und wenn Wälder und Wiesen plötzlich den Blick auf unendliche Wasserflächen freigeben, stockt uns der Atem angesichts der Harmonie dieser Landschaft. Unwillkürlich haben wir die Fahrt verlangsamt, um das Blätterdach der schnurgeraden, endlos erscheinenden Alleen über uns vorbeifliegen zu sehen, um den Duft der Blüten, die Farben der Natur, die Wärme des Lichts mit allen Sinnen aufzunehmen.
Nun tasten wir uns auf von dichtem Kiernwald gesäumten Weg in den Naturpark Nossentiner Heide - und beginnen am rechten Weg zu zweifeln.
Als die Asphaltbahn in einen Sandweg übergeht, denken wir an Umkehr. In diesem Augenblick erscheint ein Schild: "KIWI Ferien- und Seminarhotel - noch zwei Kilometer." Wir sind nicht falsch, dennoch sehen wir uns zweifelnd um: Hier - inmitten unberührter Natur - soll sich ein Hotel verstecken?
Die Sonne steht tief. Dichter Nadelwald wirft schwarze Schatten auf den Weg, die Bäume scheinen näher an die Spur zu rücken. Wieder keimen Zweifel auf. Doch plötzlich blendet uns ein heller Schein, und vor uns öffnet sich ein malerisches Panorama.
Im blauen Wasser eines schilfgerahmten Sees glüht die untergehende Sonne. Ihr warmes Licht schlägt tausendfache goldene Schneisen in den Blätterwald, läßt niedrige rote Dächer über gelben Mauern leuchten, spiegelt sich in Fensterscheiben, läßt Mückenschwärme tanzen. Über dem See kreist ein Kormoran, im Wasser zieht ein Schwan sanfte Wellen, dicht oberhalb der Baumwipfel gleitet eine Formation Wildgänse in den Horizont. Unter blütenbeladenen Zweigen eines Japanischen Zierkirschenbaumes finden wir Schatten für den Wagen. Mit dem ersterbenden Motorenton dringt die Natur an unsere Ohren. Die Luft scheint zu schwirren: Insekten summen, Grillen zirpen, Wildgänse rufen, zahllose Vogelarten geben ihren Beitrag zum Konzert.
Im gläsernen Eingangsbereich des niedrigen Hauptgebäudes im schwedischen Landhausstil begrüßen uns Gudrun Thomas-Ziebuhr und Thomas Ziebuhr, Inhaber und Geschäftsführer des Hotels KIWI.
Seltsam klingt in unseren Ohren dieser Name für ein Haus in Mecklenburg-Vorpommern. Die sympathischen Hotelbesitzer haben ihn aus Neuseeland mitgebracht - Erinnerung an eine Reise und zugleich Aushängeschild für die Naturverbundenheit des Hauses. Dieses - und die abenteuerliche Geschichte der Entstehung des Hotels erfahren wir später.
Zuerst möchten wir das Zimmer sehen, uns ein wenig ein- und herrichten. Hell und freundlich empfangen uns die Räume des Hauses. Grüntöne aus der Natur sind im Inneren aufgenommen. Teppiche wie Moos, großzügig arrangierte Pflanzen und Panoramen aus Neuseeland lassen den Gast vergessen, daß er sich in einem Hotel befindet.
Die Zimmer laden zum Bleiben ein. Selten haben wir uns in fremden Räumen von der ersten Sekunde an so heimisch gefühlt. Jedes Zimmer hat eine eigene Note, die Möbel in warmen Farben und Naturtönen, mal Pinie, mal Rattan, mal Birkenholz. Trotz der gepflegten Behaglichkeit finden wir alle Merkmale modernen Hotelkomforts: Fernseher, Telefon, ISDN. Und das Bad - oft genug Anlaß zum Naserümpfen - ist perfekt. Sogar für Ablageflächen ist gesorgt. Menschen über vierzig, die einen reich gefüllten Kosmetikkoffer mit sich schleppen, wissen das zu schätzen.
Auf der hölzernen Terrasse, die sich fast über die gesamte Länge des Hauses erstreckt, lassen wir uns zum erfrischenden Kiwi-Cocktail nieder.
Wir genießen die Stille des Abends, das Spiel der letzten Sonnenstrahlen in den Baumwipfeln und die klare Luft, die nach Wald und Erde schmeckt. Wir strecken die Beine aus, lassen den Blick über den See schweifen und fühlen uns schon ganz der Wirklichkeit entrückt. Nur ein fernes Rauschen erinnert noch an die Autobahn hinter den Wäldern. Entspannt im Hier und Jetzt lassen wir die Seele baumeln.
Kurz nach Sonnenuntergang gesellen sich Gudrun und Thomas zu uns. Wir möchten erfahren, wie es möglich war, inmitten dieses Naturparks, am Ufer des Dreier Sees, zwischen weitläufigen Laub- und Nadelwäldern, ein solches Refugium zu schaffen.
Ihre Geschichte ist ebenso unwahrscheinlich und dennoch real wie der Anblick des idyllischen Fleckchens Erde, auf dem wir uns befinden. Einen Lebenstraum wollten sie sich erfüllen. Die Suche nach einem bebaubaren Grundstück in der Natur dauerte Wochen, der Kampf mit der Bausubstanz des ehemaligen Ferienheimes für DDR-Postler Monate, die Auseinandersetzung mit Behörden Jahre. Zwischendurch hing das Projekt am seidenen Faden, weil Genehmigungen auf sich warten ließen und die Abstimmung zwischen Vorbesitzer, Bürgermeisteramt und Banken zum Hochseilakt geriet. Inzwischen zerfiel das Gebäude, zerstörten Diebe und Vandalen Türen, Fenster, Regenrinnen.
Als endlich alle Verträge unter Dach und Fach waren und die Sanierung beginnen konnte, meldete ein Alteigentümer Rückübertragungsansprüche an. Gudrun und Thomas standen vor dem Aus. Im letzten Augenblick lichtete sich der Paragraphendschungel zu ihren Gunsten.
Angesichts der Fotos aus der Abriß- und Bauphase schütteln wir fassungslos die Köpfe. Unvorstellbar, daß die bildschönen Häuser aus solchen Ruinen entstanden sein sollen. Ein Jahr hat Thomas im Wohnwagen auf dem Grundstück kampiert, die Bauarbeiten überwacht und kräftig mit zugefaßt.
Einheimische sind noch heute voller Bewunderung für den Mann aus dem Westen: Von uns, hat man ihm gesagt, hätte das keiner gemacht.
Der Abend endet mit Lammkeule aus Neuseeland und Lübzer Pils. Und mit Plänen für den nächsten Tag. Gut können wir uns vorstellen, den Tag auf der Terrasse oder am See zu verbringen, aber der weite Weg verpflichtet. So planen wir Besuche in Güstrow und Waren und eine Schiffsfahrt durch die Elde zum Plauer See. Aber erst einmal dürfen wir ausschlafen.
Frühstück gibt es, wann immer wir wollen. Wir sind dankbar, daß wir den Tag in Ruhe beginnen können.
Die Barlach-Stadt begegnet uns mit mittelalterlichem Kleinstadtcharme. Dank ausgebliebener Zerstörung und aktiven Denkmalschutzes darf die ehemalige Residenz heute als schönste Stadt Mecklenburgs gelten.
Wir bewundern die berühmte Stuckdecke im Renaissance-Schloß und Ernst Barlachs "Schwebenden" im Dom. "Güstrow ist ein Ort, wo man leben kann, trotz Italien", hat der Bildhauer formuliert. Wir geben ihm recht.
Über dem Hafen von Waren schwebt Volksfestgelärm und Bratwurst-Duft. Ein Open-Air-Konzert droht. Wir schlendern durch die malerischen Alststadtgassen und bestaunen von der Seeuferstraße aus die Terrassenhäuser am Hang des Stadtwalls.
Die Bewohner sind um den Blick auf die Müritz zu beneiden. Bis zum Horizont erstreckt sich der See, auf dem weiße Ausflugsdampfer und kleine Segelboote ihre Bugwellen ziehen. Bevor die Lautsprecher am Hafen loslegen, machen wir uns auf den Weg nach Malchow. Der mittelalterliche Kern der kleinen Stadt drängt sich auf einer Insel im Malchower See, durch einen Fahrdamm auf der einen und eine Drehbrücke auf der anderen mit dem Festland verbunden. Kopfsteinpflaster, niedrige, schmale Fachwerkhäuser, kleine Geschäfte geben dem Städtchen den Charakter einer vergangenen Zeit, erinnern an Kindertage in den fünfziger Jahren. In Gassen und Seitenstraßen, die zum Wasser führen, finden wir Motive für die Kamera - ohne daß uns japanische Gruppen oder Busladungen aus West-deutschland ins Bild laufen.
Unter schattigem Blätterdach am Schiffsanleger warten wir auf den Dampfer, der uns nach Plau am See bringen soll. Nachdem eine Blaskapelle ihr Ständchen beendet hat, herrscht schläfrig-sonntägliche Ruhe, gelegentlich vom heiseren Kläffen eines Modehündchens unterbrochen. Es gibt keinen Ansturm, als das Boot anlegt. Wir nehmen auf dem Oberdeck Platz und teilen uns die Aussicht mit zwei verliebten jungen Leuten, einer Familie mit wißbegierigen Kindern ("Warum fahren wir rückwärts, Papa?)" und einigen fröhlichen Frauen im Rentenalter. Nach einem Bogen über den Malchower See, der uns einen Blick auf das berühmte Kloster aus dem 13. Jahrhundert erlaubt, tuckern wir gemächlich durch die Elde, die den See durchfließt und die Verbindung zum Plauer See herstellt.
Wir ziehen an zahllosen Anlegern und Bootshäusern vorüber, gleiten durch den schilfgesäumten Fluß, an dessen Ufern sich hier und da Familien zum Picknick niedergelassen haben, und legen an der Pforte zum Plauer See noch einmal an. Hier, im Dörfchen Lenz, steigt eine Gruppe Radler zu. Rund um den See - auf schattigen Waldwegen - sind sie gefahren, gönnen sich eine Verschnaufpause auf dem Schiff, stürzen kühles Lübzer Pils hinunter und diskutieren die Strecke für den Nachmittag.
Während das Schiff im Hafen von Plau am See, dem Dorado für Camper und Wassersportler, wendet und zum Anleger rangiert, beobachten wir das Treiben der Segler und Motorbootfahrer.
Zwischen eleganten Yachten liegen Wasserfahrzeuge, die ein wenig nach Eigenbau aussehen, davor kreuzen Kinder in "Optimisten"-Jollen. Am Anleger wartet schon die "Tschutschu-Bahn" (sie heißt wirklich so), um die Schiffspassagiere zur Stadt- rundfahrt zu übernehmen.
Wir gehen lieber zu Fuß und folgen dem weiteren Verlauf der Elde, bewundern die stählerne Hubbrücke, die seit 1916 hier Dienst tut, beobachten ein paar kleine Jungen beim Angeln und bannen das Wahrzeichen der Stadt, den Burgturm aus dem 15. Jahrhundert, auf den Film.
Erfüllt von Bildern, Klängen und Gerüchen, freuen wir uns auf das heimelige Hotel und die abendliche Ruhe am Dreier See.
In den letzten Strahlen der Abendsonne genießen wir einen Kiwi-Aperitif und warten auf das Werk des Küchenmeisters, der uns frischen Wels mit neuen Kartoffeln empfohlen hat.
Seltsam, inzwischen empfinden wir den Namen des Hauses durchaus als passend; vielleicht weil wir den Tag in "Neu-See-Land" verbracht haben.
Zumindest für uns war das Land der tausend Seen neu. Und es gibt noch so viel zu entdecken. Was uns - die wir Geruhsamkeit dem Herumreisen vorziehen - nicht schreckt: Wir kennen jetzt das KIWI.
Von hier aus läßt sich das Land bequem erkunden, und wenn wir den Tag lieber am See verbringen wollen: Nur wenige Schritte trennen uns von paradiesischer Einsamkeit und Ruhe. Wir sind sicher, daß wir wiederkommen werden. Davon können uns weder Entfernung noch Schlaglöcher abhalten. Letztere sollen sogar bald verschwinden, weil der Zufahrtsweg erneuert wird. Fast bedauern wir das jetzt.
Wolf - Dietrich Schumacher
|
|
|